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ANKÜNDIGUNG:
Das unheimliche Jahrhundert

Es wird unheimlich. Die europäische Welt ist auf dem Rückzug. An der Erdoberfläche steigt die Durchschnittstemperatur. In Afrika explodiert die Bevölkerungszahl.

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Wasser ist bedroht; Wanderungsbewegungen setzen ein. Was immer zuverlässig um uns war, Natur, Welt, Umwelt, was vorausgesetzt und mitgedacht wurde, geht eigene Wege. Wie werden wir reagieren?

Das unheimliche Jahrhundert bedient keine dystopischen Gesichte. Es wird helfen, wenn das Unheimliche uns entgegen tritt. Pandemie und Krieg sind nur Eingeläut. Ja, alles wird anders. Es wird auch unangenehm.

Doch die Angst überwinden wir nur mit Bereitschaft. Das 21. Jahrhundert ist keines für Feiglinge. Wer hat den Mut, zu Ende zu denken: gegen das Nicht-wahrhaben-Wollen, gegen den Erzoptimismus der Macher?

Vielleicht leben in 300 Jahren nur noch eine halbe Milliarde Menschen auf der Welt. Nur indem wir uns der Wahrheit stellen, werden wir des Unheimlichen Herr.

184 S., Hardcover Fadenbindung, Landtverlag, Oktober 2022

Das Ende der Geschichte war einmal. Von Mariupol bleiben ausgebrannte Ruinen, das Kra-kra der Rabenvögel unter graufahlem Herbsthimmel, schwarze Fensterhöhlen, leer wie die Augen verhungernder Kinder. Der Angriffskrieg ist zurückgekehrt, ein Einbrecher im Morgengrauen. Dabei war unser Plan für die Welt doch perfekt. Die Diskussionen waren diskutiert, die Kämpfe gekämpft. Was fortschrittlich war, vernünftig und aufgeklärt, stand für alle Zukunft außer Frage.

Dahinein bricht der Krieg als Vorbote einer noch körperlosen Zeit. Einer Wendezeit. Ein Fanal. Die russische Attacke auf das Regelwerk trifft uns in vorkrisenhafter Verfassung: Sehnsucht nach verlorener Autorität, nachlassende Begeisterung in den eigenen Reihen, die neue Widerspenstigkeit der nichtwestlichen Welt, das Erschlaffen alternder Gesellschaften, ein Auseinanderdriften von Arm und Reich, wie es sozialen Beben vorangeht. Gewissheiten lösen sich in Luft auf. Der Boden wankt.

Die beunruhigenden Phänomene stehen Schlange. An der Erdoberfläche steigt die Durchschnittstemperatur. Die Jahre 2015 bis 2021 waren die sieben wärmsten seit Erfindung des Thermometers. In Afrika explodiert die Bevölkerungszahl. Bis zur Jahrhundertmitte werden dort doppelt so viele Menschen leben wie um 2020, bis zur Jahrhundertwende werden es viermal so viele sein. Schon lange vorher fehlt es an Nahrungsmitteln und Wasser. Von Süden aus gesehen ist Europa ein Schlaraffenland.

Natürlich haben wir die Zukunft in der Hand – sagen die einen. Wir, die Menschheit, seit November 2022 acht Milliarden Individuen. Etwa bei der Erderwärmung: Keine fossilen Brennstoffe, Verzicht auf Fleisch, Ausstieg aus der intensiven Agrarwirtschaft. Oder beim Bevölkerungswachstum: Die Geburtenrate bestimmen Frau und Mann. Oder bei der Migration: Hunger und Armut an der Wurzel bekämpfen. Bei den FCKW, den Ozonloch-Killern aus dem Kühlschrank, ging es doch auch.

Multipolare Unordnung, weltweite Erwärmung, demographische Explosion in Afrika, drohende Wanderungsbewegungen ... Die Optimisten nennen das eine Herausforderung. Schicksal darf es nicht heißen, schließlich sind die Phänomene menschengemacht. Es sei denn, wir Menschen setzen Entwicklungen in Gang, die irgendwann irreversibel, schicksalhaft werden. Sind wir vielleicht nur theoretisch in der Lage, die Veränderungen aufzuhalten? Sind die Beteuerungen unserer Politiker nur Bannformeln mit dem Ziel, die Angst vor ihrer eigenen Ohnmacht zu übertönen?

Es ist so: Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir glauben, die Atmosphäre, der Planet oder auch nur wir selbst (als ›Menschheit‹) wären uns untertan. Die meisten erkennen das instinktiv, sie akzeptieren globale Prozesse als offensichtlich unabwendbar. Es ist die Haltung des pragmatischen Fatalismus. Wir reagieren durchaus, aber individuell, jede und jeder für sich. Wir passen uns an, weil Anpassungsfähigkeit seit Millionen Jahren unser Erfolgsrezept ist. Anpassungsfähigkeit, nicht der Glaube an die Machbarkeit unserer Wünsche.

Ohnehin beschränken sich die Machtphantasien – wir retten die Weltordnung und das Klima, wir besiegen den Hunger, wir dämmen die Zuwanderung ein – auf die europäischstämmige Welt, den Globalen Westen. Dort leben nicht einmal mehr 15 Prozent aller Menschen. Die Unterschiede zeigen sich bei der Reaktion auf den neuen europäischen Krieg. In Lateinamerika, Afrika und im größten Teil Asiens hat man sich den Strafmaßnahmen gegen Russland verweigert. Wie tektonische Platten verschieben sich die Gewichte des Politischen, manifest in Hard Power und Soft Power: Wirtschafts- und Innovationskraft, demographische Dynamik, kulturelle Attraktivität, militärische Fähigkeiten. Wer setzt noch auf die Westeuropäer – im Angesicht des Willens zum Erfolg, den die Chinesen seit Jahrzehnten demonstrieren? Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts weiß die Welt nicht, wem die Zukunft gehört. Oder besser: wann es so weit ist.

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